(c) H.-G. Gräbe, 01/2001 Quelle: http://www.hg-graebe.de/Texte/Kommentare/Disput/01-01-30.txt ================================================================ Zum Beitrag "Linke Politik und Eigentumsverständnis" von Ralf Christoffers in Disput 1'01 Wie mehrfach konstatiert gehören Fragen zur Eigentumsproblematik zu den zentralen Dissenspunkten in der programmatischen Debatte der PDS. Allerdings ist mir immer weniger klar, ob diese prinzipieller Natur sind oder einfach aus der Komplexität des Gegenstandes resultieren, also aus einer je zu einseitigen Betrachtung des Gegenstands durch die Kontrahenten. Dieses Gefühl verstärkt sich bei der Lektüre des Beitrags von Ralf Christoffers in Disput 1'01. Ich möchte an einigen Beispielen aufzeigen, warum ich meine, dass ein so einseitiger, kanonisierter Aufriss der Eigentumsproblematik, wie er von Christoffers vorgelegt wurde, wichtige Fragen der Umbruchprozesse der Gegenwart ausblendet. Der Autor plädiert für marktwirtschaftliche Elemente auch unter zukünftigen sozialistischen Eigentumsverhältnissen, weil "das zentral verwaltete staatliche Eigentum diese Funktion nicht erfüllen konnte, da keine tatsächliche Mitwirkungs- und Entscheidungskompetenz der Beteiligten vorlag". Zweiteres ist sicher ein entscheidendes Defizit der Sozialismusversuche des 20. Jahrhunderts und viele andere Autoren (nicht zuletzt C. Spehr mit dem Konzept der "freien Kooperation" in seiner durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung preisgekrönten Arbeit (Spehr-00) sehen eine solche "Mitwirkungs- und Entscheidungskompetenz der Beteiligten" mittlerweile als _das: zentrale Moment eines sozialistischen Gesellschaftskonzepts an. Die Gemeinsamkeiten hören allerdings bereits an der Stelle auf, wo Christoffers unhinterfragt postuliert, dass Maßstab für den Austausch "der im Produkt oder der Leistung enthaltene Arbeitsaufwand" sei. Und zwar, wie im weiteren klar wird, ein marktwirtschaftlich definierter. Ein solcher Ansatz verkennt ganz wesentlich, dass sich mit der modernen wissenschaftsbasierten Industrie auch die Austauschformen ändern. Ich will hier nicht einmal das Marxzitat strapazieren, dass in einem stark wissenschaftlich geprägten Arbeitsumfeld die Schöpfung des wirklichen Reichtums weniger abhängt von der Arbeitszeit und dem Quantum angewandter Arbeit als von der Macht der Agentien, die während der Arbeitszeit in Bewegung gesetzt werden und die selbst wieder [...] in keinem Verhältnis steht zur unmittelbaren Arbeitszeit, die ihre Produktion kostet, sondern vielmehr abhängt vom allgemeinen Stand der Wissenschaft und dem Fortschritt der Technologie. (MEW 42, S. 592) Hier (und im darauf folgenden Text) umreißt Marx klar die Grenzen seiner ökonomischen Theorie und damit marktwirtschaftlicher Praxis, an denen wir heute offensichtlich angelangt sind. Dies scheint Christoffers noch berücksichtigen zu wollen, wenn er konzediert, dass "Arbeit und damit Herstellung von Wertverhältnissen über den Austausch und die Verteilung von Produkten und Leistungen heute nicht nur die unmittelbare Tätigkeit einschließt, sondern die o.g. Bedingungen als Grundlage hat", bei denen es sich um "gesellschaftliche Bereiche [handelt], die Marktfunktionen nicht oder nur teilweise unterliegen". Die Mechanismen, die nach Christoffers' Meinung im Inneren solcher Bereiche wirken sollen, bleiben unbesprochen, sind aber ein unbedingtes Detail eines zu entwickelnden Gesellschaftskonzepts, wenn dieses nicht unter heutigen Bedingungen aus politisch durchsichtigen Gründen in die Nähe von Steuerverschwendung gerückt werden soll. Denkt man jedoch das Marx-Zitat konsequent zu Ende, dann sollten sich solche nicht marktkonformen Bereiche nicht nur fernab jeglicher Ökonomie herausbilden, sondern auch mitten in der ökonomischen Sphäre selbst wachsen. Mit dem Übergang zur Informations- oder Wissensgesellschaft sind wir in der Tat immer stärker Zeuge derartiger Prozesse. Schließlich tritt neben den Austausch von Produkten und Leistungen immer stärker auch der _Austausch von Wissen und Kenntnissen_, der nicht einem marktwirtschaftlichen Kalkül unterworfen werden kann und darf, wenn man nicht die Wissensschätze der Menschheit als immanent nur kollektiv nutzbares Gemeingut, als die "Wissensallmende" (Volker Grassmuck), grundsätzlich in Frage stellen will. Das gilt auch und gerade für Marktteilnehmer, wenn diese nicht altem ökonomischem _Produkt_denken, sondern dem _Prozess_denken der "new economy" folgen und sich dabei der Focus der Geschäftsprozesse von der _Produktion selbst_ auf die _Vorbereitung der Produktion_ verschiebt. Eine klar strukturierte Geschäftsidee ist im Zeitalter flexibler Produktionssysteme die Voraussetzung für flexible Produktion 'just in time' und letztere ohne große Anstrengung möglich, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Einmal angestossen heckt eine solche Maschinerie Produkte über Produkte und damit Geld. Der Goldesel als Traum jedes Geldverwerters ist damit erfunden - wenn denn die Bedingungen statisch wären. Die in einem Marktsegment herrschenden (technologischen und geschäftlichen) Bedingungen sind allerdings das _gemeinsame_ Gut der Teilnehmer dieses Marktsegments und dessen kooperative Bewirtschaftung wesentlich effizienter als ein klassischer "Austausch", wie er offensichtlich Christoffers als allmächtiges Regulationsinstrument derartiger Beziehungen vorschwebt. Inzwischen reden selbst große Konzerne mindestens so häufig von "strategischen Allianzen" und Partnerschaften wie von Konkurrenz und Wettbewerb. Eine solche kollektive Bewirtschaftung von Bedingungen kann auf zwei verschiedenen Wegen erfolgen. Der erste ist eine Neuauflage "zentral verwalteten Eigentums": Ein großer Konzern dominiert das Marktsegment und alle tanzen nach dessen Pfeife. Dies erfordert eine hohe Konzentration von Definitionsmacht in einer Hand und damit deutliche Beschneidung der "tatsächlichen Mitwirkungs- und Entscheidungskompetenz der Beteiligten". Ein marktökonomisch logischer Weg in dieselbe technologische Sackgasse, in der die Sozialismusversuche des 20. Jahrhunderts endeten, der gleichwohl mit Blick auf die sich häufenden Fusionen und Superfusionen ein von den "Dinosauriern der Marktwirtschaft" favorisierter Weg zu sein scheint. Der zweite Weg bedeutet, Kooperation Ernst zu nehmen und eine viel engere Verflechtung ökonomisch vollkommen eigenständiger Subjekte einzugehen als durch reinen Austausch je möglich ist. Die dabei zu Tage tretenden "öffentlichen Interessen" sind jedoch keineswegs "ein auf die Zusammenfassung von Zielbestimmungen im gesellschaftlichen Handeln orientiertes System, das von einer _Mehrheit_ der gesellschaftlich agierenden Subjekte akzeptiert wird." Ein kooperativ organisiertes System ist auf _jedes_ seiner Subjekte angewiesen (wie übrigens auch umgekehrt, jedes der Subjekte auf das System), so dass berechtigte Minderheitsinteressen ebenso ihren legitimen Platz finden müssen, ja gerade in diesem Punkt die eigentliche Crux öffentlichen Interesses liegt. Öffentliche Interessen als Mehrheitsinteressen zu denken (Christoffers: "Das Ringen um demokratische Mehrheiten heißt für linke Parteien also, das was sie - ausgehend von ihrem gesellschaftlichen Selbstverständnis - als öffentliches Interesse definiert (!? - HGG) haben, tatsächlich mehrheitsfähig zu machen") blendet den Aspekt berechtigter Minderheitsinteressen vollkommen aus und perpetuiert damit ein weiteres der großen Defizite der Sozialismusversuche des 20. Jahrhunderts, das schon Klaus Holzkamp in (Holzkamp-80) grundlegend kritisiert hat. Dessen Ausführungen zu Allgemein- und Partikularinteressen ist wenig hinzu zu fügen. Vielleicht nur die Bemerkung, dass eine zukünftig in wesentlichen Teilen kooperativ organisierte Ökonomie _nur_ aus (je anders kompetenten) Minderheiten bestehen wird. ================================================================== (Spehr-00) Christoph Spehr: Gleicher als andere. Eine Grundlegung der freien Kooperation. http://www.rosaluxemburgstiftung.de/Einzel/Preis/rlspreis.pdf (Holzkamp-80) Klaus Holzkamp: Individuum und Organisation. Veröffentlicht als "Werkstattpapier" in Forum kritische Psychologie 7, "Probleme kritisch-psychologisch fundierter therapeutischer Arbeit". Argument Sonderband 59, 1980. S. 208-225 http://www.kritische-psychologie.de/kh1980a.htm