(c) H.-G. Gräbe, 05/2006 Quelle: http://www.hg-graebe.de/Texte/Kommentare/LN/06-05-07.txt ================================================================ Zu "Pubertäre Visionen" (Leipzigs Neue, 9'06, S. 6) Drei junge Poltikerinnen der PDS legen ein Papier vor, das mit Recht den Anspruch erhebt, in der Programmdebatte Ernst genommen zu werden. Einmal, weil es eben eine konsistente inhaltliche Äußerung junger PDS-Mitglieder ist. Und zum anderen, weil es eines der großen Defizite der "offiziellen" (d.h. der von der "Zukunftskommission" dominierten) PDS-Programmatik thematisiert: wie ist das mit den Umbrüchen der Arbeitswelt. Eine stringente Analyse der durch die aktuellen Produktivkraftentwicklungen bedingten Umbrüche in der Arbeitswelt im Rahmen der PDS-Programmdebatte steht nicht nur aus, sondern wurde bisher überhaupt nicht ernsthaft in Angriff genommen. Das ist nicht erst seit dem letzten Auftritt von Dieter Klein in Leipzig bekannt, aber dort noch einmal mehr als deutlich geworden. Die Defizite sind umso eklatanter, als es im linken Umfeld längst eine Debatte dazu gibt, in deren Zentrum ein besseres Verständnis der Rolle von Wissen, Bildung, Kompetenz, Kreativität und Innovation steht. Und eben die Frage, ob der klassische fordistische Arbeitsbegriff, die Unterteilung der Welt in Befehlsgeber und Befehlsempfänger, in i Produktion und Konsumtion und ein puritanisches Arbeitsethos, dem Ihr Autor offensichtlich anhängt, noch zeitgemäß sind. Das unsägliche "Arbeit her!" eines bekannten PDS-Plakats, das nur als "Chef her!" interpretiert werden kann, suggeriert, dass "Business as usual" bei derzeit mindestens 5 Mill. Arbeitslosen möglich sei, wenn nur die "richtigen Mehrheiten" zu erreichen wären. Wenn dem ein "Recht auf Faulheit" entgegengesetzt wird, dann vor allem in der Konnotation eines selbstbestimmten Lebens, das selbstbewusst auch Gestaltungsansprüche einschließt, die vielleicht von anderen - aus meist durchsichtigen oder unreflektierten Gründen - als "Müßigggang" gegeißelt werden. Ob diese jungen PDS-Mitglieder oder doch eher Ihr Autor G.L. "vereinfachenden, naiven und damit realitätsfremden Vorstellungen" zu diesem Thema nachhängen, scheint mir also mehr als fraglich. Wie dem auch sei, dass es in jedem Fall von einer fragwürdigen Diskussionskultur zeugt, ernsthafte Überlegungen vom Tisch zu wischen, ohne sich auch nur im Ansatz mit ihnen inhaltlich auseinanderzusetzen - wie in Ihrem redaktionellen Artikel geschehen - scheint mir offensichtlich.